Das Bühnenbild: optischer Belcanto. Ein See, noch ein bißchen schöner als als schön,
und eine Insel, von der man schon einmal geträumt hat. Die Personen: ein
Fährmann mit telepathischer Begabung, ein Koch, derdem Zauber seines einzigen
Menüs erlegen ist, Wanderer aus aller Welt und diverse Geister aus Adel und
Klerus. Handlung: dreht sich im wesentlichen urn Essen und Trinken. Vorstellungen:
täglich im Comer See, aber nie im November, Dezember und Jannuar.
Reisender, kommst du ans Ufer des
Comers Sees, so zögere nicht, in Sala zu
rasten. Unten am Wasser, wo kein
Weg weiterführt. wird ein Wunder geschen: Wie aus dem Nichts wird ein
Boot auftauchen. urn den wartenden
Fremden überzusetzen aut ein verwunschenes Eiland. Vielleicht nennt der
freundliche Fährniann es die Insel der
Verdammten. Doch davon sollte sich
niemand abschrecken lassen. Denn gegen den Fluch, der seit 800 Jahren über
der "Isola Comacina" hangt. ist ein
hochprozentiges Mittel wirksam. Mehr
sei vorerst nicht verraten. Hauptsache,
die Neugier ist geweckt.
Zur Vorspeise: Salate und Gemüse
Seit 1169
liegt ein Fluch
auf der Insel
Und neugierig sollte man sein auf ein
Fleckchen Erde, das schon verfolgten
Christen und plündernden Barbaren,
entthronten Königen und verkannten
Künstlern Zuflucht bot. Auf solchem
Boden kann man Geschichte und Geschichten erfahren.
Und wo es Tradition ist, Bedrangten Schutz zu gewähren, da ist auch jener willkommen, der
nur auf der Flucht vor dem Alltag ist.
Was speziell im Vorfrühling vorkommt. Weil jetzt schon die bloße Ahnung von Sonne gen Süden lockt. Ein
besonderer Genuß ist die Anreise
durch die langsam erwachende Natur
für den, der nicht am Steuer eines Autos sitzt, sondern per Zug durch die
Landschaft zuckelt. Denn der kann bei
der Fahrt durch die Schweiz eine der
schönsten Bahnstrecken der Welt kennenlernen: Es ist das Privatuntemehmen
der Ratischen Bahn in Chur, das
den berühmten Bernina- oder Gletscher-Expreß hinaufschickt bis auf fast
3000 Meter. Ganz langsam arbeitet
sich der Zug hoch ins Ober-Engadin
und gibt dabei immer wieder überwal-
tigende Ausblicke frei auf grandiose
Gipfel, die von ewigem Eis und Schnee
bedeckt sind. Wenn es dann wieder
hinuntergeht ins Tal, wird einem beim
ersten Grün so richtig bewußt, daß der
Winter nicht endlos wahrt.
In der italienischen Grenzstadt Tirano
muß man umsteigen - und sich ent-
scheiden, wo man sein Haupt zur
Nacht betten will. Naturlich kann man
nach Como fahren, aber auch die klei-
neren Orte am See sind nicht zu verachten. In Varenna am Ostufer zum
Beispiel findet man im Royal Viktoria
ein Hotel, das keinen Vergleich zu
scheuen braucht. Nur was die Preise
angeht, kann es mit der mondaneren
Konkurrenz nicht mithalten: Schon für
etwa 100 Mark bekommt man ein Doppelzimmer in dem Prachtbau, in dem
einst Kaiserin Auguste Viktoria nachtigte. Natürlich ist das Hotel in der
Zwischenzeit restauriert worden, und
zwar ebenso stilvoll wie funktionell.
Aber ein kaiserlicher Empfang wird
manch glücklichem Gast immer noch
zuteil. Dem namlich, der außerhalb
der Saison kommt. Da kann es schon
vorkommen, daß der Hoteldirektor
persönlich sich die Zeit nimmt, das Kaminfeuer zu entfachen und zu einer
Flasche besten Weines aus seinem Keller einzuladen.